Artikel RAD Magazin 2016

AIR VILLEKULLA

Vor drei Jahren berichtete Yvonne Rueg, unsere südafrikanische RADlerin, über ihr Projekt in Kapstadt. Zeit, darüber zu berichten, was in der Zwischenzeit ge- schehen ist.

Der AIR VILLEKULLA ist ein Artist in Residence-Projekt, das aus zwei

mer, je ein großes Atelier, eine Bibliothek und in Kapstadt über einen Garten mit Swimmingpool. In unserem Maiensäss auf 2000 m Höhe nden Künstler eine einfache, aber heimelige Einrichtung mit Arbeitsplatz.

Wie schon Goethe formuliert hat, sollte „kein Reisender in die weite Welt gehen, ohne sich vertraut zu machen mit der be- sonderen sozialen Situation und den Be- dingungen des Alltags im bereisten Land“. Wir legen Wert auf eine gute Einführung der Gastkünstler in die Situation im Gast- land und begleiten sie bei Recherchen zu ihrem gewählten Thema. Der offene, partizipative Charakter der Projekte ist bezeichnend für Gastkünstler sowie für die lokalen Künstler. Die Gastkünstler sehen sich mit ihrem eigenen Ursprung, ihren Gedanken, Ideen und Werten konfrontiert und schenken uns, den Gastge- bern, dadurch einen neuen Blickwinkel auf unsere eigene Lebenswirklichkeit. Durch das gegenseitige Interesse und die kollaborativ-partizipativen Projekte sowie die Präsentationen der Künstler ndet aktiver Wissens-, Kultur- und Bildungs-Austausch statt.

Schwerpunkt liegt auf Kultur-, Ideen- und Wissensaustausch.

 

Häusern und einer Alphütte besteht: ei- nem Haus in Embrach bei Zürich, einem in Maiensäss in Medergen bei Arosa (Graubünden) und einem Haus auf der Cape Peninsula in Kapstadt, Südafrika. Die Häuser werden vom Verein Artist in Residence AIR VILLEKULLA getragen, der 2012 gegründet wurde. AIR VILLE- KULLA bietet Künstlern ein Umfeld, in dem sie Kollaborationen mit internatio- nalen und lokalen Kunstscha enden auf- bauen können. Der Schwerpunkt liegt auf Kultur-, Ideen- und Wissensaustausch. Kunst kann Gespräche auf einer ganz anderen Ebene als durch einen akademischen oder politischen Diskurs fördern und Themen an die Öffentlichkeit bringen. Kunst kann Menschen berühren und zum Handeln animieren. Das Projekt bietet deshalb eine Plattform für Work- shops, Ausstellungen und Performance- Möglichkeiten innerhalb verschiedenster Kunstformen. Die beiden genannten Häuser von Artist in Residence AIR VILLEKULLA verfügen über jeweils 3 bzw. 4 geschmackvoll eingerichtete Gästezimmern.

 

Allgemein lässt sich sagen, dass Aufenthalte von Künstlern in einem Artist
in Residence besonders beachtenswert sind, weil diese Einrichtungen einen komplexen Knoten bilden und vielerlei Probleme künstlerischer Identität au angen können. Künstler werden gezwungen, sich zu artikulieren. Vernetzungen werden vermehrt möglich, wobei zu erwähnen ist, dass die Ateliers oft sehr unterschiedlich aufgebaut sind. Einige haben Stiftungen als Trägerschaften, andere Vereine, wieder andere sind eigentliche Institutionen. Je nachdem sind auch die Aufnahmebedingungen sehr verschieden: Jury, Anmeldungszeiten, verlangte Arbeitsweisen usw. können erheblich di erieren. Andrea Glauser1 beschreibt in ihrem Buch„Verordnete Entgrenzung – Kulturpolitik, Artist in Residence-Programme und die Praxis der Kunst“ unter anderem die Auswirkungen auf die teilnehmenden Künstler. Sie führt dabei auch die Perspektive von Pierre Bourdieu2 ins Feld, wonach alles, was sich im Bereich der Kunst abspiele, inklusive der Besonderheiten von Kunstwerken, auf soziale Auseinandersetzung zurück-

zuführen sei. AIR VILLEKULLA arbeitet deshalb mit internationalen und loka-
len Künstlern zusammen. Das Ziel von künstlerischen Bildungsprojekten ist es, gemeinsame Projekte mit einer pädagogi- schen Dimension in verschiedenen Kon- texten nachhaltig einbetten zu können. Dies führt dazu, dass Teilnehmer und Künstler ihre individuellen Werte anhand des Gegenübers entdecken können. Sie werden dadurch befähigt und inspiriert, um sich in verschiedenen Kunstformen auszudrücken.

Künstlerische Bildungsprojekte

In Südafrika sind Parallelwelten auch über zwanzig Jahre nach der Abschaffung der Apartheit noch alltägliche Realität. Selbst nach unzähligen Gesetzesreformen durch den ANC (African National Con- gress), die die unterdrückte schwarzafri- kanische Bevölkerung unterstützen sollen, ist zum Beispiel das Bildungssystem in den Townships immer noch unzurei- chend. Man sieht sich konfrontiert mit einer Diaspora aus dem ganzen südlichen Afrika, welche oftmals vor Hunger und Terror geflohen ist. Vielfach fehlen die nötigen Papiere, was oftmals weitere Ausbeutungen zur Folge hat. Die Aktiven sind ständig mit gesellschaftlichen Fragestellungen, Korruption und politischen Machenschaften konfrontiert. Diese gilt es zu refektieren vor dem Hintergrund von Kultur- und Gesellschaftstheorien, wenn möglich mit dem Fokus auf kollaborative und politisch informierte Kunstpraktiken. Mary Louise Pratt schreibt in ihrem Artikel „Die Kunst des Kontakt Zone“:4 „Wo Vermächtnisse der Nachrangigkeit bestehen, müssen Gruppen Orte der Heilung und der gegenseitigen Anerkennung, sichere Häuser, in denen ein gemeinsames Verständnis gefunden werden kann, mit dem Wissen der Ansprüche dieser Welt, die sie dann in die Kontaktzone bringen können“. Das Ziel der künstlerischen Bildungsprojekte ist auch, dass Teilnehmer ihre individuellen Werte entdecken und befähigt werden, diese in künstlerischer Form zum Aus- druck zu bringen. Durch gegenseitiges Interesse und partizipativ-kollaborative Projekte findet Wissensaustausch statt.

Im Township Masiphumelele ndet schon seit längerem ein Arts Festival statt. Masiphumelele bedeutet in Xhosa, der am weitesten verbreiteten schwarz- afrikanischen Sprache am Kap: „Wir werden Erfolg haben“. In diesem Geist des Sieges über alle Hindernisse, mit denen die Menschen in Masiphumelele, kurz Masi, konfrontiert sind, arbeitet AIR VILLEKULLA, um einander zu ermutigen, Wissen auszutauschen und neue Jobmöglichkeiten zu scha en. Mit einem attraktiven und interaktiven Festivalpro- gramm sollen auch Touristen und neue Investoren angezogen werden. Kinder und Jugendliche nden durch Performances und Ausstellungen Möglichkeiten, ihr Können zu zeigen und Wertschätzung zu erhalten, die sie zu Hause häufig nicht erfahren. Das Leben in den Townships ist immer noch geprägt von Gewalt, Drogen und Vernachlässigung. Ein Festivaltag beginnt mit einem kurzen Gottesdienst, einem Markt, bei dem die lokal unterprivilegierte Bevölkerung die Möglichkeit hat, ihre Produkte wie Handwerks- und Kunstgegenstände, modische Accessoires und Kleider von lokalen Designern und afrikanische Spezialitäten zu verkaufen. Darüber hinaus finden eine Vielfalt von Aktivitäten statt. So gibt es unter anderem Tanzaufführungen oder Künstler, die

live auf der Leinwand oder einer Wand des Veranstaltungsortes malen. Begleitet wird das Festival durch Live-Musik von verschiedenen Künstlern. Diese Projekte kann AIR VILLEKULLA nur aufgrund externer personeller und nanzieller Unterstützung durchführen. Wer als Volontär mitarbeiten möchte oder finanzielle Mittel zur Verfügung stellen kann, bekommt Informationen direkt über Yvonne Ruegg. Ausführliche Berichte, Konzept und Budget werden auf Wunsch gerne zugesandt.

Über die konkreten Projekte hinaus erfolgt vor allem ein Kultur- und Wissenstransfer. Jeder Mensch hat Wissen, welches durch Fakten, Gefühle, Ideen, Erfahrungen und die Interpretation der (persönlichen) Geschichte geprägt ist. Kommen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen zusammen, teilen sie ihr Wissen. Dieser Wissensaustausch ist wie eine Lagune, in der sich frisches Wasser mit Salzwasser mischt. Die Lagune enthält dadurch eine neue Qualität des Wassers. Dieses neue Wasser der Lagune ist ein Bild für neues Wissen. Deshalb ist Kulturaustausch immer auch Wissensaus- tausch. Dies führt uns zu einem tieferen Erfolg haben.

Verständnis füreinander und neuen Erkenntnissen.
In der Schweiz arbeitet AIR VILLEKULLA neu in einem Projekt mit
SMArt (http://sustainablemountainart. ch) zusammen, das vom Bundesamt
für Entwicklung und Zusammenarbeit mitgetragen wird. Dieses setzt sich mit den besonderen Herausforderungen in Bergregionen in der Schweiz und in den Gebirgsländern im Süden und Osten auseinander. Ziel ist es, den interkulturel- len Austausch und den Dialog zwischen Künstlern und der Ö entlichkeit zu fördern im Bezug auf die Herausforde- rungen für die Bergregionen und die Mittel, welche die Bevölkerungsgruppen zu deren Lösung gefunden haben. Dieser

Austausch soll nicht nur die Künstler und die Bergbevölkerung fördern und unter- stützen, sondern auch das Bewusstsein der Ö entlichkeit für die spezielle Proble- matik der Bergregionen schärfen. Dazu wurde auch in Südafrika eine Ausschrei- bung für eine dreimonatige Residency in der Schweiz verö entlicht. Nicht weniger als 80 fotogra sch tätige Künstler haben ihr Portfolio eingeschickt. Derzeit werden die Bewerbungen gesichtet, um 10 davon der Jury in der Schweiz zu präsentieren.

Der gewählte südafrikanische Künstler wird dann in der Schweiz Recherchen tä- tigen und aus vier emenbereichen wäh- len: Klimaveränderung, Wasserreserven, Ernährungssicherheit oder Migration, denn die Herausforderungen der Bergre- gionen sind jene des gesamten Planeten. Während ihres Aufenthaltes gestalten die Künstler – in Zusammenarbeit mit AIR VILLEKULLA – eine Ausstellung, in der sie ihre Wahrnehmung der Probleme ihrer Gastregion re ektieren. Die Ausstel- lung des südafrikanischen Gastkünstlers in der Schweiz wird später in Kapstadt von AIR VILLEKULLA publiziert und ausgestellt. Damit kann die Debatte mit der Ö entlichkeit fortgesetzt werden.
In den letzten drei Jahren hat AIR VIL- LEKULLA manche Höhen und Tiefen durchlebt. Wichtig war den Aktiven, eigene Vorstellungen immer wieder zu hinterfragen und auch zu verändern, um Neues entstehen zu lassen. Dies bedeutet nicht, keinen Fokus zu haben, sondern der Re exion bewusst Raum zu geben. Immer wieder stellt sich Frage, was noch übrig bleibt wenn wir uns dies erlau-
ben. Und wo ist dem Verein durch den Umstand, dass er z. Z. noch selbsttra- gend sein muss, Grenzen gesetzt? Nora

Eindrücke vom Masi Art Festival

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Mary Louise Pratt, Literaturwissenschaftlerin, 1991 „The Art of Contact Zone“

Übersetzung der Autorin

Video Links ART Festivals: https://www.youtube.com/ watch?v=gdRlctqrslk und https://www.youtube.com/ watch?v=xJqKlIDEntg

Nora Sternfeld, 2013, „Kontaktzonen der Geschichtsvermittlung. Transnationales Lernen über den Holocaust in der postna- zistischen Migrationsgeschichte“ Verlag Zaglossus, Wien.

DAS RAD Magazin | Seite 76/77

Sternfeld6 meint: Kontaktzonen sind Handlungsräume, in denen gemeinsames Handeln und Verhandeln geschieht, von dem man vorher nichts wusste. Kontakt- zonen meint hier: sichere Orte der Be- gegnung, die uns erlauben, echt und wahr

zu werden. Diese sind nur möglich wenn wir, in erster Linie, das Vertrauen in unseren Schöpfer setzen und aus diesem Vertrauen heraus schöpferisch werden. In diesem Sinne freuen wir uns, gemeinsam vielfältig Neues entstehen zu lassen.

Wo Vermächtnisse der Nachrangigkeit bestehen,
müssen Gruppen Orte der Heilung und der gegenseitigen Anerkennung nden…
Mary Louise Pratt

AIR VILLEKULLA

VISION

Wir entwickeln kooperative Projekte mit europäischen und afrikanischen Künst- lern mit einer pädagogischen Dimension in verschiedenen Kontexten, in denen Teilnehmer Ihre individuellen Werte entdecken können. Wir beziehen dabei spezi sch historische und politische Fra- gestellungen mit ein und bringen diese in verschiedenen künstlerischen Formen zum Ausdruck.

MISSION

Wir wollen Wissens- und Kulturaus- tausch fördern, sodass europäische und afrikanische Künstler neue Horizonte, Ho nung und Perspektiven für das Leben gewinnen können durch Gottes kra volle

Sprache der Kunst. Workshops, Ausstel- lungen und künstlerische Bildungsprojek- te in den unterprivilegierten Gebieten in Südafrika können mögliche Formen sein.

WERTE

Wir respektieren und anerkennen die kulturelle Einzigartigkeit des Anderen und lernen voneinander. AIR VILLEK- ULLA ist christlich geprägt, ohne einer bestimmten theologischen Ausrichtung verp ichtet zu sein. Mitarbeiter und

Volontäre stammen aus verschiedenen ethnischen und religiösen Hintergrün- den, die jedoch christliche Grundwerte teilen. Jesus ist unsere Inspiration und Wegweisung in unserer täglichen Arbeit. Um diese Werte zu bewahren, besteht der Vereinsvorstand aus engagierten Christen.

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Yvonne Rüegg

Yvonne Rüegg ist visuelle Künstlerin und Fachlehrerin auf der Oberstufe. Sie ist in der Schweiz und in Südafrika tätig und hat an der Zürcher Hochschule der Künste im Bereich Kulturanalysen und Vermittlung studiert. Ihre Masterarbeit zur Forschung in künstlerischen Bildungsprojekten hat sie dem ema „Wissensaustausch im geteilten sozialen Raum eines Artist in Residence“ gewidmet. Sie ist Präsidentin des Vereins

AIR VILLEKULLA und Kuratorin für das Projekt SMArt im Graubünden, Schweiz. Kontakt unter airvillekulla@yrueegg.com oder http://www.villekulleair.wordpress.com